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Antwort von Christian Seebass an Horst Seehofer

Osnabrück, der 8.2.2006

Sehr geehrter Herr Seehofer, sehr geehrter Herr Koehler,

ein paar Aspekte Ihres Antwortschreibens, veröffentlicht möchte ich herausgreifen:

Sie schreiben: "...Ernstzunehmende Wissenschaftler bestätigen, dass die sog. Koexistenz beider Anbausysteme (mit und ohne Gentechnik) in der Praxis möglich ist..."

Ohne Frage gibt es Wissenschaftler, die dies bestätigen. Andere und ebenso ernstzunehmende bestätigen dies keinesfalls. Eine Regelung nach dem Vorsichtsprinzip ist somit das angemessene Mittel der Wahl; zumal letztlich echte Langzeitstudien fehlen und bereits das Überspringen von biotechnologisch erzeugtem Genmaterial auf Wildpflanzen zweifelsfrei festgestellt wurde.

Sie schreiben: "...Damit und auch durch vernünftige Haftungsregelungen müssten die Sorgen der Ökolandwirte zerstreut sein, dass sie in Zukunft keine Öko- und Bioprodukte ohne Gentechnik mehr herstellen könnten...."

Wie werden diese "vernünftigen" Haftungsregelungen aussehen? Angesichts der nicht ausgeräumten Unsicherheiten dieser Technologie kann und darf nur das Verursacherprinzip bei der Haftung gelten. Selbst dieses jedoch ist ein letztlich fauler Kompromiss - bereits angerichtete Schäden im Umweltbereich lasten in praktisch jedem Fall auf der Gesamtheit der Geschädigten und nicht auf dem Verursacher; eine sogenannte "Entschädigung" durch den letzteren, der oft genug gar nicht oder erst nach Jahren des Prozessierens festgestellt und zur Zahlung bewegt wird, ist zumeist höchstens symbolischer Natur. Schäden durch Auskreuzung biotechnologisch veränderten Genmaterials werden de facto unregulierbar bleiben. Ähnlich, wie in den meisten Fällen der Einschleppung und Ausbreitung von Neobiota entweder Maßnahmen schlichtweg unmöglich sind oder aus Ignoranz bzw. unter Verweis auf den "unzumutbaren" materiellen Aufwand unterbleiben.

Sie schreiben: "...Nach Aussage der führenden Wissenschaftler in ganz Europa dürfen wir davon ausgehen, dass Konstrukte, wenn sie die Prüfungen bestehen, Schäden nicht verursachen..."

Prüfungen und Tests können bekanntermaßen stets nur solche Probleme aufzeigen, die bereits bekannt sind. Insofern zeugt es von Naivität, sich auf bestehende Kontrollsysteme zu verlassen (s.o.,); erst recht gilt dies für System der sogenannten Selbstkontrolle ("..., haben die Betreiber [...] darüber hinaus die Pflicht, ihr Konstrukt nach der Zulassung in der Praxis zu beobachten und alle Hinweise auf auftretende Schäden unverzüglich zu melden...."). Zudem ist es unzulässig, die zahlreichen abweichenden wissenschaftlichen Einschätzungen außer acht zu lassen, die die Unsicherheiten dieser Technologie zeigen. Auf dieser Basis von einer Kontrollierbarkeit zu sprechen, bedeutet nichts anderes als "na, probier´n mer´s halt" - und diese Einstellung zur sogenannten "Grünen Gentechnik" ist inakzeptabel (s.o.).

Sie schreiben: "...Für ganz Deutschland wäre ein solcher Verzicht eine Illusion. Es wird immer Landwirte geben, die die rechtmäßig in der EU zugelassenen gentechnisch veränderten Sorten anbauen wollen, um deren Vorteile zu nutzen. Es wäre also aus gemeinschaftsrechtlichen Gründen nicht möglich, Gentechnik in Deutschland zu verhindern...."

Ob dies tatsächlich eine Illusion bleiben müsste, sei einmal dahingestellt. Es bleibt jedoch GANZ SICHER eine Illusion, wenn der Gesetzgeber der interessierten Lobby der "Grünen Gentechnik" auch noch Förderung angedeihen lassen will! Fakt ist: Der Gesetzgeber hat die Wahl - mit der Unterstützung der "Grünen Gentechnik" Konzerninteressen zu protegieren oder dafür zu sorgen, dass diese Technologie im Rahmen der rechtlichen Spielräume im eigenen Lande wenn irgend möglich eine Ausnahmeerscheinung bleibt. Die Frage ist: Was ist Ihnen die Meinung der Bevölkerung = Wählerschaft wert? Denn würden Sie sich für letztgenannte Alternative entscheiden, stünden nach Ihren eigenen Angaben etwa 75% der Bevölkerung hinter Ihnen!

Lassen Sie mich etwas anfügen:

Praktisch sämtliche Argumente der Befürworter der "grünen Gentechnik" entbehren der Substanz. Lediglich ein Argument - das naturgemäß am seltensten ins Feld gebrachte - lässt sich halten: nämlich jenes, dass der Anbau denjenigen Gewinne bringt, die das betreffende Patent halten. Ich kann sagen: Es ist sehr ernüchternd zu erleben, dass Repräsentanten einiger im Bereich der "grünen Gentechnik" agierenden Konzerne nicht in der Lage waren, ihre Argumentation vom offenbar niedrigen, vorgegebenen Niveau an jenes der hinterfragenden Zuhörerschaft anzupassen. Auf die Frage aus dem Publikum, warum man - wenn denn die Bekämpfung des Welthungers ein tragendes Motiv sei - ausgerechnet mit Pflanzen wie Tomaten und Soja begonnen habe nicht aber mit in Hungerregionen tatsächlich genutzen Nahrungspflanzen, wusste man lediglich zu antworten, mit irgendwelchen Pflanzen habe man ja schließlich beginnen müssen... Zustimmung erzeugt man auf diese Weise nicht; und noch weniger erweckt man den Eindruck, sich darüber klar zu sein, was man tut. Der Staat sollte sich daher nicht zum Erfüllungsgehilfen jener interessierten Lobby degradieren lassen.

Und auf das Ihnen vor einiger Zeit in einer Tageszeitung zugeschriebene Argument, man müsse jetzt mitmachen, um nicht den Anschluss zu verlieren, möchte ich erwiedern: Erstens ist das schlechteste Argument, in einen Brunnen zu springen, jenes, dass es ja andere vor uns auch taten. Und zweitens gibt es zweifelsohne Bereiche, die technisch möglich sind, an die wir aber keinesfalls Anschluss brauchen. Die sogenannte "Grüne Gentechnik" ist so ein Bereich. Statt dieser Technologie nachzulaufen sollte man sich in Deutschland tunlichst wieder des ehemaligen Rufes besinnen und die Profilierung auf die Lieferung exzellenter Qualität zu angemessenem Preis richten. Im Bereich Nahrungsmittel bietet sich gerade zu dieser Zeit die Chance, dies über eine Ausweitung der zertifizierten, ökologischen Produktion zu erreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Seebass

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