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Offener Brief an Herrn Seehofer

Sehr geehrter Herr Seehofer,

mit diesem Brief möchte ich gern zu dem Schreiben Ihres Referatsleiters Herrn Wolfgang Koehler im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Stellung nehmen und meine tiefe Besorgnis über Ihre Haltung zur Grünen Gentechnik Ausdruck verleihen.

Vor allem erschüttert mich die Leichtfertigkeit, mit der über das wesentliche Dilemma der Gentechnik hinweggegangen wird: die unkontrollierbare Ausbreitung der genetischen Veränderungen. So führt Herr Koehler sogar selbst aus: „ … denn der Pollen einiger Kulturpflanzen wird von Wind und Insekten in Nachbarbestände getragen und verursacht dort, wenn die Ausgangspflanze gentechnisch verändert war, dass gentechnisch bedingte Veränderungen ebenfalls auftreten.“ Dieser Punkt wird dann aber unter Verweis auf „klare Regeln in Form einer Verordnung … wie beim Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen vorzugehen sei“ und auf „ernstzunehmende Wissenschaftler“, die bestätigen, dass eine Koexistenz möglich sein, als völlig unproblematisch hingestellt. Wie diese Verordnung in der Praxis greifen soll und vor allem, was das für ernstzunehmende Wissenschaftler sein sollen, bleibt im Dunkeln. Beim besten Willen: dieses Argument kann ich überhaupt nicht ernst nehmen.

Bei Groß Lüsewitz in Mecklenburg-Vorpommern wird momentan ein Versuch durchgeführt, bei dem gentechnisch veränderter Raps im Freiland angebaut und von nicht verändertem Raps umgeben ist. Wie muss ich mir das im Detail vorstellen? Werden dort Schilder aufgestellt, um die Bienen davor zu warnen, in den Bestand zu fliegen und die Pollen auf die Bestände im Umland weiter zu tragen? Herrschen in Groß Lüsewitz andere Wetterlagen, so dass keine Verbreitung durch Wind erfolgen kann? Diese Versuchsanordnung allein beweist mir schon, wie ernst ich diese Wissenschaftler nehmen kann. Und ich brauche sicher nicht viel Phantasie, um den Ausgang des Versuches vorherzusagen: die Grüne Gentechnik ist völlig unproblematisch…

Fakt ist doch, dass sowohl Wind als auch Bienen eine Verbreitung der Pollen über viele Kilometer ermöglichen. Wie soll nun also die Koexistenz konkret aussehen, wenn ein Landwirt auf sein Recht beharrt, neben einem ökologisch wirtschaftenden Landwirt gentechnisch veränderte Kulturen anzubauen??? Wenn sich erst die gentechnischen Veränderungen unkontrolliert ausgebreitet haben, nützt mir als Endverbraucher auch kerne Haftungsregelung mehr etwas, die dem Ökobauern ggf. den Schaden ersetzt. Er kann schlichtweg keine Produkte mehr liefern…

In einem offenen Brief der unabhängigen Gesellschaft für Gesundheitsberatung GGB zum gleichen Thema ist zu erfahren, dass der ökologische Landbau in Kanada und den USA aufgrund gentechnischer Kontaminierrungen bereits fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Wenn dieser reale Gegenbeweis zur beschworenen Koexistenz vorliegt, wie können Sie sich dann auf „ernstzunehmende Wissenschaftler“ berufen? Bei allem Respekt Herr Seehofer, dies ist nicht glaubhaft und wirft die Vermutung einer bewussten Irreführung der Öffentlichkeit auf. Oder können Sie einen Beweis für Ihre Behauptung darbringen – gibt es eine Region, in der aktuell ökologischer Landbau und der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen koexistiert?

Weiterhin führt Herr Koehler in seinem Schreiben aus, dass 75 der Bürger in Befragungen die Gentechnik ablehnen – ich freue mich, dass meine Mitmenschen eine so kritische Haltung einnehmen. Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Werte einer Demokratie geläufig sind. Wenn also die Mehrheit des deutschen Volkes die Gentechnik so klar ablehnt, wäre es Ihre Pflicht, sich in der Europäischen Union für ein generelles Verbot stark zu machen, da die beschriebene, unproblematische Koexistenz einfach nicht gegeben ist. Sie haben vom deutschen Volk einen Auftrag, der eine entsprechende Verantwortung mit sich bringt. Ihre Arbeit wird aus Steuermitteln des deutschen Volkes bezahlt und nicht aus Budgets von Interessengruppen der Industrie. Bitte seien Sie sich dieser Verantwortung bewusst und handeln dementsprechend.

Sie sprechen von den Vorteilen der Gentechnik. Ich kann mir nicht vorstellen, was daran vorteilhaft sein soll, wenn man eine Pflanze gentechnisch so verändert, dass sie gegen ein starkes Gift resistent ist (Roundup-Ready-Soja) um möglichst viel von diesem Gift einsetzen zu können. Eine derartige Vorgehensweise lässt in meinen Augen nur ein völlig pervertiertes Weltbild erkennen, bei dem die Natur als Feind angesehen wird, den es mit immer stärkeren „Geschützen“ zu bekämpfen gilt. So wie man es aktuell bei den unverantwortlich häufigen Gaben von Antibiotika in der Medizin beobachten kann, wo Bakterienstämme eine immer höhere Resistenz aufweisen, treten konsequenterweise nun auch Resistenzen gegenüber den aktuellen Schädlingsbekämpfungsmitteln auf. Wo soll dieser unsinnige „Kampf“ hinführen? Zu immer stärkeren Toxinen und immer höheren Dosen? Abgesehen von dem immensen ökologischen Schaden - wem soll es eigentlich zugemutet werden, derartig belastete Lebensmittel zu konsumieren? In der ökologischen, auf die Naturgesetze ausgerichteten Landwirtschaft sind solche Vorgehensweisen gar nicht notwendig.

In dem Zusammenhang der fortschreitenden Umweltbelastungen wirft sich auch die Frage auf: welche Kostensteigerungen im Gesundheitswesen kann unsere Volkswirtschaft eigentlich noch (er)tragen? Leider trat auch hier wieder deutlich zutage, woran unser liebenswertes Land so sehr krankt: an einer Politik, die nicht in der Lage ist, echte Reformen und deutliche Strukturveränderungen herbeizuführen und stattdessen wieder einmal mehr die besitzstands-wahrenden Interessen bestimmter Gruppen vor den Interessen des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit zu stellen. Es werden so viele Kompromisse geschlossen, dass jeder Ansatz einer Reform im Keim erstickt.

Ein weiteres extrem bedenkliches Problemfeld in diesem Zusammenhang ist der Besitz an Patenten an gentechnisch veränderten Pflanzen in der Hand von nur 4 Großkonzernen. Jedem Bürger mit gesundem Menschenverstand wird hier klar, um was es eigentlich geht: Natürlich nicht um die wunderbaren, technische Fortschritte zum Wohle der Menschheit, sondern um pure Machtausweitung und extreme Profitmaximierung. Ziel dieser Konzerne kann es nur sein, möglichst alle „freien“ Saatgüter zu unterbinden und nur noch Saatgut verfügbar zu halten, bei dem ein Patent vorliegt und somit einem Monopolstellung ausgenutzt werden kann.

Herr Seehofer, können Sie tatsächlich verantworten, dass durch Ihre politische Haltung die Machtzentralisierung und Monopolisierung der globalen Ernährung auf 4 Konzerne (DuPont, Syngenta, Monsanto und Bayer) begünstigt wird? Politiker aller Couleur setzen sich gern gegen den weltweiten Terrorismus ein. Da werden Sicherheitsbestimmungen verschärft und Kriege gegen Schurkenstaaten geführt. Aber haben Sie auch einmal daran gedacht, dass es vielleicht sinnvoller und viel ressourcenschonender wäre, die Probleme bei den Ursachen anzupacken und nicht Druck durch noch mehr Gegendruck zu begegnen. Die Missstände und das enorme wirtschaftliche Gefälle zwischen reichen Industriestaaten und den Ländern der sog. Dritten Welt sind doch offensichtlich. Wenn sich also diese Konzerne mit ihrer Vision durchsetzen, der ganzen Welt den Preis für Saatgut diktieren zu können, werden sich diese Gegensätze noch weiter verschärfen und noch mehr Gewaltausbrüche heraufbeschwören. Müssen eigentlich auch deutsche Landwirte Sorge vor existenzvernichtenden Klagen durch die Firma Monsanto tragen, wenn sie keine Gentechnik einsetzen wollen aber ihr Feld zufällig neben einem Bestand mit Monsanto-Raps liegt (siehe der Fall Percy Schmeiser in Kanada)? Sie sollten sich der Tragweite Ihre Entscheidungen in vollem Umfang bewusst sein…

Herr Seehofer, ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass auch Wissenschaftler die Grüne Gentechnik als gefahrenvoll und nutzlos erkennen. In einer Informationsschrift des ökologischen Ärztebundes e.V. ist zu erfahren, dass „bisher vermarktete Produkte mit GVO keinerlei Nutzen für die Ernährung und Gesundheit von Mensch und Tier bieten … und es bisher keine nachgewiesenen Vorteile gegenüber Lebensmitteln aus konventioneller oder biologischer Produktion gibt.“ (Ökologischer Ärztebrief, 4. Aufl., März 2006) Demgegenüber stellen die Herausgeber klar, dass durch die gentechnischen Veränderungen neue Proteine entstehen, die als hochwirksame Allergene wirken können, da die biochemischen Vorgänge im Körper auf diese Protein nicht eingestellt sind – sie sind von der Evolution nicht vorgesehen. Es können im menschlichen Organismus „unvorhersehbare, unbeabsichtigte Effekte und Wechselwirkungen auftreten und dadurch unerwünschte Stoffwechselprodukte produziert werden“ (Ökologischer Ärztebrief, 4. Aufl., März 2006). Zudem wird darauf verwiesen, dass die angebliche Unbedenklichkeit der Gentechnik bisher nur durch kurzfristige Fütterungsversuche (wenige Wochen) an Tieren „nachgewiesen“ wurde. Jedem Laien leuchtet ein, dass hier keine signifikanten Aussagen über das tatsächliche Risikopotential für den Menschen abgeleitet werden können. Langzeitstudien liegen meines Wissens nach nicht vor bzw. wurden bisher nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zum Schluß möchte ich mich darauf berufen, dass unser Grundgesetz meiner Familie und mir sowie allen Mitmenschen ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zusichert. Da Sie nicht in der Lage sein können, die Sicherheit der Gentechnik in allerletzter Konsequenz mit reinem Gewissen und ohne jeden Zweifel zu vertreten, appelliere ich nochmals eindringlich an Ihre Pflicht, unsere Gesundheit zu schützen.

Mit freundlichen Grüßen Robert Vergin, Graal-Müritz

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