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Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein antwortet auf Wahlkreisaktion
Sehr geehrter Herr,
[...] Gern möchte ich auf Ihre Fragen zur Mehrwertsteuererhöhung näher eingehen. Zunächst gilt, was ich bereits während des Wahlkampfes immer wieder betont habe: Eine Anhebung der Mehrwertsteuer lehne ich zum jetzigen Zeitpunkt ab. Sie würde angesichts der schwachen Binnennachfrage in die falsche Richtung weisen und die sich abzeichnende wirtschaftliche Erholung gefährden. Soweit meine Position als Ihre Wahlkreisabgeordnete.
Aber natürlich ist der Koalitionsvertrag ein Gesamtpaket, bei der die Mehrwertsteuererhöhung nur ein Baustein von vielen ist. Und der Koalitionsvertrag ist auch ein Kompromiss, bei dem die SPD sich nicht an allen Stellen hat durchsetzen können. Deshalb soll nun entgegen unserer Ankündigung im Bundestagswahlkampf die Mehrwertsteuer zum 1.1.2007 um 3%-Punkte auf 19% angehoben werden. Mit einem Prozentpunkt aus der erhöhten Mehrwertsteuer soll der Beitrag in der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung ebenfalls ab 2007 gesenkt werden. Der Steuersatz für Lebensmittel, Druckerzeugnisse und Bücher bleibt allerdings bei 7% und wird nicht auf 9,5% angehoben. Auch die Mieten bleiben weiterhin mehrwertsteuerfrei.
Darüber hinaus wurden konsequente Streichungen von Subventionen und Steuervergünstigungen beschlossen, die sonst vor allem der Wirtschaft zugute kommen. Dazu haben wir bereits in dieser Woche – unmittelbar zusammen mit der Regierungserklärung – konkrete Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht. So werden wir mit dem „Gesetz zur Beschränkung der Verlustverrechnung“ Steuerstundungsmodellen bereits rückwirkend ab dem 10. November 2005 ihre steuerlichen Vorteile nehmen und damit geschlossene Fonds als Steuersparmodelle abschaffen. In 2006 werden Bund, Länder und Gemeinden 550 Mio. Euro einnehmen, ab 2007 rund 1,6 Mrd. Euro und ab 2008 pro Jahr 2,1 Mrd. Euro. Auch in dieser Woche wird das Steueränderungsgesetz 2006 im Parlament in erster Lesung beraten. Es enthält neben der Abschaffung der Eigenheimzulage auch die Schließung von Steuersparmodellen, die für Bund Länder und Gemeinden pro Jahr Einsparungen von rund 1,2 Mrd. Euro bringen werden. Sie sehen also, dass sich die Koalition steuer- und finanzpolitisch eine Menge vorgenommen hat.
Ich habe dennoch nach wie vor große Probleme mit einer Mehrwertsteuererhöhung, sehe aber andererseits, dass viele andere Punkte des SPD-Wahlmanifestes Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden haben und damit die soziale Balance gewahrt bleibt. Dazu zählen die Angleichung der Regelsätze für das ALG II in Ostdeutschland an das Westniveau, die Beibehaltung der Steuerfreiheit für Sonntags-, Feiertags- und Nachtzuschläge oder die höhere Besteuerung für Spitzenverdiener. Nennen möchte ich auch die Einführung des Elterngeldes ab 1.1.2007 als einer weiteren wichtigen Forderung im SPD-Wahlmanifest. Dies sichert die ökonomische Basis der Familien und verhindert Kinder- und Familienarmut, insbesondere bei Alleinerziehenden. Gerade Eltern mit geringen Einkommen profitieren von der Einführung des Elterngeldes, da es die für sie Existenz gefährdenden finanziellen Einbußen abfedert.
Mein Abstimmungsverhalten zur Mehrwertsteuererhöhung werde ich dennoch davon abhängig machen, wie sich die wirtschaftliche Situation in unserem Land im Laufe des Jahres 2006 darstellt. Sollte sich keine konjunkturelle Verbesserung der wirtschaftlichen Lage einstellen, bleibe ich bei meiner ablehnenden Haltung hinsichtlich einer Mehrwertsteuererhöhung. In diesem Fall müssen andere Lösungen zur Haushaltskonsolidierung gefunden werden.
Ich hoffe, Ihnen damit meine Position in dieser Frage erläutert zu haben.
Mit freundlichen Grüßen
Andrea Wicklein
, Eintrag von:
Antwort eines Ex-Kollegen
<p>Liebe Andrea, liebe Ingrid,lieber Florian, lieber Lothar,</p>
<p>zunächst einmal auch von mir einen herzlichen Dank, dass ihr auf die Protestmails zur Mehrwertsteuererhöhung geantwortet habt. Als euer ehemaliger Kollege freue ich mich, dass ihr den Protest so vieler Bürgerinnen und Bürger nicht schweigend hinnehmt.</p>
Ich freue mich noch mehr darüber, dass ihr alle die Argumente gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, wie sie in den Protestmails geäußert werden, teilt. Das ist allerdings ja auch kein Wunder, denn es sind ja die SPD-Argumente aus dem Wahlkampf. Was vor der Wahl richtig ist, kann ja nach der Wahl nicht falsch sein.
Nun schreibt aber nur Andrea, dass sie sich vorstellen könnte, unter Umständen auch im Bundestag gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, wie sie im Koalitionsvertrag vereinbart wurde, zu stimmen. Ihr drei anderen verweist auf den Kompromisscharakter einer Koalitionsvereinbarung, in der keiner der Partner seine Vorstellungen lupenrein durchsetzen kann. Das ist sicher so und ich glaube, dass das den meisten Menschen generell auch klar ist. Aber, was ist das für ein Kompromiss: Zwei Prozentpunkte „Merkelsteuer“ im Wahlkampf ablehnen und sich danach auf drei Prozentpunkte einigen.
Ihr findet unsere Alternativvorschläge auch im Großen und Ganzen richtig, auch wenn Lothar ja ellenlang aufzählt, welche Streuerschlupflöcher Rot/Grüne schon geschlossen hat. Dennoch bleibt, dass die rot/grüne Steuerpolitik, tatkräftig unterstützt von Bundesrat, die Unternehmen begünstigt hat. Und die Steuerfreiheit der Veräußerungsgewinne, gegen die ich gekämpft habe, bescherte ihnen einen Reibach sondergleichen. Dass die Verbände trotzdem noch schreien, geht nach dem Motto: „je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still.“ Ich kann mich noch erinnern, wie zufrieden sich der, damals noch Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) über unsere Steuerpolitik äußerte. Während Christine Scheel und bei uns auch einige über das Lob freuten, war doch klar, dass die nächsten Forderungen bald auf den Tisch kommen würden. Und so geschah es ja dann auch und alle gaben nach: nun soll der Körperschaftsteuersatz noch einmal gesenkt und die Mehrwertsteuer erhöht werden. Ich finde, dass hat mit Besteuerung nach Leistungsfähigkeit nichts mehr zu tun und mit sozialer Gerechtigkeit schon gar nicht. Und wirtschaftspolitisch ist es töricht.
Ich bitte euch darum, euren Antworten Taten folgen zu lassen, noch einmal über unsere Alternativen nachzudenken, sie in die Beratungen der Bundestagsfraktion und des Finanzausschusses einzubringen und euch gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer zu wehren.
Herzliche Grüße,
Detlev von Larcher
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