Bundestagsabgeordnete Dr. Frank Schmidt (SPD) antwortet auf Wahlkreisaktion
Sehr geehrte(r) [...],
Im Koalitionsvertrag ist vereinbart worden, den Mehrwertsteuersatz im
Jahr 2007 um drei Prozentpunkte auf 19 % zu erhöhen. Davon steht dem
Bund ein Prozentpunkt zur Senkung der Lohnzusatzkosten zu. Der ermäßigte
Mehrwertsteuersatz von 7 % bleibt zur Wahrung der sozialen Balance
unverändert.
Trotz dieser Vereinbarung im Koalitionsvertrag stehe ich zu den
Argumenten, mit denen wir im Bundestagswahlkampf gegen eine Erhöhung der
Mehrwertsteuer gekämpft haben. Die Mehrwertsteuer ist gegenüber einer
direkten Besteuerung von Einkommen, Gewinnen und Vermögen ungerechter,
eine Erhöhung würde in der aktuellen Situation der Konjunktur schaden
und sie kann Arbeitsplätze in Handwerk, Gastronomie und Einzelhandel
gefährden. Das gilt auch heute noch.
Das Wahlergebnis vom 18. September hat nun eine vollständige Umsetzung
des Wahlprogramms der SPD unmöglich gemacht. Eine Regierungsbildung war
faktisch nur in Form der großen Koalition mit den Unionsparteien
möglich. Damit war auch klar: Wer in einem solchen Bündnis 50 Prozent
darstellt, kann seine Positionen nicht zu 100 Prozent durchsetzen. Ich
halte eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte über die Stärkung
des Wachstums und den Abbau von Steuersubventionen weiterhin für richtig
und realistisch. Die Mehrwertsteuererhöhung war jedoch eins der
zentralen Projekte der Union und deshalb nicht verhandelbar. Die
Mehrwertsteuererhöhung ist also eine schwarze Kräte, die die SPD
schlucken musste. Mit diesem Zugeständnis an die Union waren jedoch
wichtige Verhandlungserfolge im Bereich der Steuerpolitik, der
Arbeitnehmerrechte und in vielen anderen Politikbereichen verbunden.
Im Zusammenhang mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer konnte die SPD
folgendes erreichen:
1. Die Erhöhung wird statt 2006 erst 2007 kommen, um die Möglichkeit zu
schaffen, die Konjunktur im nächsten Jahr soweit anzukurbeln, dass die
schädlichen Auswirkungen einer Mehrwertsteuererhöhung weniger zum tragen
kommen.
2. Mit dem Impulsprogramm (25 Milliarden Euro in vier Jahren) und
einigen Sofortmaßnahmen im nächsten Jahr werden Rahmenbedingungen für
eine Erholung der Konjunktur im nächsten Jahr geschaffen.
3. Der ermäßigte Steuersatz auf Lebensmittel, Personennahverkehr, Bücher
und Zeitungen bleibt bei 7 % und wird nicht angehoben.
4. Die befürchteten Auswirkungen auf das Handwerk werden durch die
Möglichkeit kompensiert, Handwerkerrechnungen anteilig auf die
Steuerschuld anzurechnen.
Ich setze mich für die Verbesserung der Einnahmesituation von Bund und
Ländern ein. Dabei will ich mich aber nicht auf die Erhöhung des
Mehrwertsteuer-Satzes beschränken. Um die Lasten einer weiteren
Konsolidierung der Staatshaushalte sozial ausgewogen zu verteilen,
brauchen wir folgende Maßnahmen, die in Sie Ihrer E-Mail auch erwähnt
haben:
1. Steuerbetrug konsequent bekämpfen
Die konsequente Bekämpfung des Steuerbetrugs ist ein entscheidender
Punkt bei der Verbesserung der Einnahmesituation von Bund und Ländern.
Dabei steht die Zuständigkeit der Länder einer effektiven
Betrugsbekämpfung vielfach entgegen. Im Rahmen der Vereinbarungen zur
Föderalismusreform hat die SPD bereits einige Festlegungen zur Stärkung
der Bundeskompetenzen erreicht: Wir werden von den zugewiesenen
Möglichkeiten, die Prüfungsdienste zu koordinieren und die
Steuerkriminalität zu bekämpfen, Gebrauch machen. Wir werden darüber
hinaus prüfen, inwieweit den zuständigen Verfolgungsbehörden weitere
Instrumente an die Hand gegeben werden müssen, um Umsatzsteuerbetrug
effektiver aufspüren zu können. Notwendig ist eine Ablösung des
geltenden Systems mit Vorsteuerabzugsmöglichkeit für Umsätze zwischen
Unternehmen, um national und international organisierten Steuerbetrug zu
unterbinden und den Verlust von Steuersubstrat bei
Unternehmensinsolvenzen zu verhindern. Auf europäischer Ebene wollen wir
darauf hinwirken, die rechtlichen Voraussetzungen für diese
Systemumstellung zu schaffen.
2. Hohe Einkommen stärker besteuern, Steuerschlupflöcher schließen
Im Bundestagswahlkampf hat die SPD sich gegen eine von der Union
geplante weitere Absenkung des Spitzensteuersatzes gewandt und diese
Position auch in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt. Eine
generelle Erhöhung des Spitzensteuersatzes war und ist mit der Union
nicht zu erreichen. Allerdings ist es gelungen, mit der "Reichensteuer"
eine Steuererhöhung für Spitzenverdiener durchzusetzen.
Die Beschränkung legaler Steuersparmodelle haben wir nicht nur als Ziel
im Koalitionsvertrag verankert, sondern sind auch dabei, dafür zu
sorgen, dass die neue Rechtslage für Medien- und Schiffsfonds bereits ab
1. Januar 2006 gelten wird.
Im Wahlkampf hat die SPD mit der Kampagne gegen die "Merkel-Steuer" viel
Zustimmung gewonnen. Das heisst für mich, jetzt auch offensiv damit
umgehen, dass wir uns an diesem Punkt nicht durchsetzen konnten. In den
Koalitionsverhandlungen hat die SPD viel erreicht - nicht nur im Bereich
der Steuerpolitik, sondern auch bei Arbeitsmarkt, Familie und anderen
wichtigen Politikfeldern. Wir haben die Mehrwertsteuererhöhung als Preis
für diese Erfolge bezahlt - dafür müssen wir uns nicht verstecken.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Dr. Frank Schmidt
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