Knapp 30 Minuten ungefilterte Redezeit für einen Rechtsextremisten. In einer Nachrichtensendung für Kinder. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wie kann das sein?
Petition: „KIKA: Keine Bühne für Rechtsextreme bei logo!“
Am 3. September, kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, veröffentlichte KiKA von ARD und ZDF bei „logo!“ ein Interview mit CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze und AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Ohne Faktencheck, ohne kritische Nachfragen, ohne Einordnung.
Ein Kollektiv aus Schüler*innen startete deshalb auf WeAct die Petition „KIKA: Keine Bühne für Rechtsextreme bei logo!“
„Ich hatte mich auf das Interview unter der Voraussetzung eingelassen, dass es eine vernünftige Einordnung der Aussagen geben würde“, sagt Lucienne, die ehemalige Vorsitzende des Landesschulrates. Doch die gab es nicht. Im Gespräch sollte die Schülerin nur Fragen stellen, nicht diskutieren. Ernüchternd für die 18-Jährige.
Nach dem Gespräch „war ich ehrlich gesagt zunächst ziemlich frustriert“, sagt Lucienne. Sie hatte sich erhofft, den AfDler mit bestimmten Fragen stärker aus der Reserve locken zu können. Um damit sichtbar zu machen, wie Siegmund bestimmte Positionen vertritt. Ein Vorhaben, an dem selbst sehr erfahrene Journalist*innen und Medienschaffende immer wieder scheitern.
Was ist die Aufgabe von „logo“?
Über neun Stunden bevor „logo“ das Interview mit Ulrich Siegmund im KiKA ausstrahlte, schrieb die Leiterin des Kindernachrichtenformats, Constanze Knöchel, auf LinkedIn einen Beitrag mit dem Titel: Die ZDF-Kindernachrichten, Ulrich Siegmund und der sichere Shitstorm.
Knöchel verteidigte vorab die am Abend laufende „logo“-Sendung. Sie argumentiert, dass „logo“ und der Nachrichtenjournalismus seine Entscheidungen nicht danach treffen dürfe, wo der größere Shitstorm drohe. Dass der Auftrag von „logo“ sei, Kinder über politische Entwicklungen zu informieren.
Dazu gehöre auch, über Parteien zu berichten, die gesellschaftlich umstritten sind, hohe Zustimmungswerte bekommen und gleichzeitig auf deutliche Ablehnung stoßen. Und dass die AfD Teil der politischen Realität in Deutschland ist und wer Kindern diese Realität erklären wolle, könne die Vertreter nicht einfach ausblenden.
Constanze Knöchel war sich, laut ihrem LinkedIn-Beitrag, also bewusst, dass auf die „logo“-Sendung ein Shitstorm folgen würde. Aber trägt ihre Argumentation?
Kinder müssen sich eine Meinung bilden können
„Es reicht nicht, verschiedene politische Positionen nebeneinander zu stellen und Kinder anschließend damit allein zu lassen“, sagt Lucienne. Gerade junge Schüler*innen brauchen mehrere Perspektiven und eine verständliche Einordnung.
Also welche Aussagen entsprechen Fakten? Welche Behauptungen sind umstritten? Welche Forderungen haben politische Konsequenzen? Nur so können junge Menschen unterschiedliche Positionen miteinander vergleichen, stellt Lucienne klar.
Wer Kindern diese Realität erklären will, kann ihre Vertreter nicht einfach ausblenden. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir die AfD unkommentiert stehen lassen, natürlich ordnen wir ein, liefern Kontext und benennen Fakten.
Constanze Knöchel, Leiterin der ZDF-Kindernachrichten „logo!“, auf LinkedIn am 3. September 2026
Aber genau das ist im „logo“-Interview mit Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidaten eines „gesichert rechtsextremen“ Landesverbands, nicht geschehen. Und genau darin sieht auch Lucienne die Krux.
Mein Problem liegt nicht darin, dass ein AfD-Politiker überhaupt zu Wort gekommen ist. Mein Problem ist, dass die Aussagen, die Siegmund in dem ausgestrahlten Beitrag gemacht hat, anschließend nicht eingeordnet wurden.
Lucienne Barke, ehemalige Vorsitzende des Landesschulrates in Sachsen-Anhalt
Tiefgreifender Vertrauensverlust bei den Lehrkräften
Das macht auch Nora Oehmichen von „teachers4future“ Sorgen: „Viele Lehrkräfte setzen Logo-Nachrichten im Unterricht ein.“ So auch Oehmichen selbst, weil sie sich bisher darauf verlassen konnte, dass die Sendung auf Basis der freiheitlichen demokratischen Grundordnung geschehe. Ein Prinzip der demokratischen politischen Bildung.
Mit diesem unkritischen Interviewformat habe die „logo“-Redaktion „eklatant gegen dieses Prinzip verstoßen“, benennt Oehmichen ungeschönt. Für Lehrkräfte bedeute das einen tiefgreifenden Vertrauensverlust: „Ein solches Format darf sich nicht wiederholen!”
Landesschulrat in MV sagt Interview ab
Zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern plante „logo“ jedoch exakt dasselbe Format. Tessa, Vorstandsmitglied des Landesschulrates in Mecklenburg-Vorpommern, sollte Interviews mit Manuela Schwesig (SPD) und Enrico Schult (AfD) führen.
Bereits in der Vorbereitung seien kritische Fragestellungen von Tessa seitens der „logo“-Redaktion nicht eingebracht oder abgeschwächt worden. Ein Fehler, findet die 15-Jährige. Denn ein Format für Kinder sollte zeigen, dass Aussagen hinterfragt werden dürfen.
Kinder glauben oft zunächst das, was sie sehen und hören. Deshalb ist ein Faktencheck besonders wichtig. Das kann Kindern zeigen, dass Politikerinnen und Politiker auch falsche oder irreführende Aussagen machen können und dass solche Aussagen überprüft und korrigiert werden müssen.
Tessa Schulz, Vorstandsmitglied Landesschulrates in Mecklenburg-Vorpommern
Einer der Gründe, weshalb der Landesschulrat (LSR MV) in Mecklenburg-Vorpommern für das „logo“-Interview Bedingungen formulierte. Die das ZDF wohl aber nicht rechtzeitig umsetzen konnte. Der LSR MV sagte das Interview ab, die „logo“-Redaktion sprang selbst ein.
WeAct-Petition, das ZDF rudert zurück
Für eine Gruppe von Schüler*innen um Lucienne und Tessa keine echte Lösung. Die Befürchtung, „logo“ könnte AfD-Politiker*innen weiterhin eine ungefilterte Bühne bieten, zu groß. Sie starteten eine Petition auf WeAct, auf der Petitionsplattform von Campact. Mit Erfolg:
Nachdem das ZDF das „logo“-Interview zu Beginn noch verteidigte, ist der öffentlich-rechtliche Sender nun doch zurückgerudert: „Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass das gewählte redaktionelle Konzept nicht angemessen war.“
Weiter schreibt das ZDF: „Die Redaktion dankt den Zuschauerinnen und Zuschauern für ihre wichtigen, ausführlichen und teilweise sehr persönlichen Rückmeldungen.“ Laut Spiegel soll nun der ZDF-Fernsehrat über die offiziellen Programmbeschwerden entscheiden.
Für die Sendung mit SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und AfD-Spitzenkandidat Enrico Schult hat sich das ZDF nun für eine andere Herangehensweise entschieden: Aussagen aus den Interviews werden in einem redaktionellen Beitrag eingeordnet.
Mit dieser Ergänzung rennt das ZDF offene Türen ein. Die WeAct-Petition „KiKA: Keine Bühne für Rechtsextreme bei logo!“ sammelte innerhalb weniger Tage über 300.000 Unterschriften. Tessa findet, das ist Grund genug, um Constanze Knöchel zum Nachdenken anzuregen: „Sie sollte sich kritisch fragen, warum so viele Menschen mit dem Format beziehungsweise mit der Art der Berichterstattung unzufrieden sind und welche Veränderungen daraus notwendig sind.“
Über 300.000 Unterschriften, Hunderte Programmbeschwerden und plötzlich reagiert das ZDF doch auf die Kritik an der „logo“-Sendung mit Ulrich Siegmund (AfD). Nun soll der ZDF-Fernsehrat über die offiziellen Programmbeschwerden entscheiden. Das zeigt ganz klar: zivilgesellschaftlicher Widerstand lohnt sich! Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, kannst Du in wenigen Minuten Deine eigene Kampagne starten. Denn gemeinsam bewegen wir Politik!